Vergangenen Sonntag beendete ich gegen den 13-jährigen Jungen Maxim Ventura Bolet meine 20. Turnierschachpartie auf spanischem Boden mit einem Sieg. Diese und die Partie zuvor waren Leistungen, mit denen ich zufrieden sein konnte. Im Vergleich dazu bereiteten mir die drei Verlustpartien in Folge davor mehr Kopfzerbrechen. Jetzt, drei Tage nach Ende des Turniers, habe ich die Fehler in diesen Partien ausfindig gemacht. Fehler, die nicht immer schachlicher Natur waren. In allen drei Partien erhielt ich eine gute Mittelspielstellung. Zeit, im Nachhinein die Schachuhr anzuhalten und einen Blick darauf zu werfen.
Teil 1 – Der GM-Effekt
Mit 3/5 in einem großen Open durfte ich normalerweise nicht darauf hoffen, in der folgenden Runde einen Gegner mit 2400+ zu bekommen. Eine Punktegruppe (in diesem Fall die Gruppe derjenigen mit 3 aus 5) wird in 2 Hälften geteilt und der elostärkste Spieler wird dem Elostärksten der unteren Hälfte zugelost. Scheinbar befand ich mich in diesem Turnier mit meinem Rating jedesmal knapp unter der Hälfte und so geschah es auch, dass mein Gegner der 6. Runde nicht nur eine ähnlich hohe Elozahl wie mein Viertrundengegner D’Costa hatte, es war noch besser – ich bekam sogar einen GM. In der Vorbereitung sah ich, dass er sowohl auf 1. d4 als auch 1. e4 mir angenehme Varianten spielte. Zuerst war ich verwundert, dass mein georgischer Gegner Aroshidze kein Caro-Kann spielt. Normalerweise haben so gut wie alle georgischen Großmeister Caro-Kann in ihrem Repertoire. Stattdessen sah ich, dass er im Sizilianer meistens Najdorf oder Paulsen spielt und auf 1. d4 Benoni. Einige Minuten zu spät erschienen, überraschte er mich dann schon mit 4…a6 statt 4…Sc6. Sofort fiel mir ein, dass er auch in seinen Partien gegen 1. c4 oft in einen Igel gegangen ist und dafür eine Vorliebe zu haben scheint. Schon bald spielte er das interessante …Kh8 welches eine Idee beinhaltet, die, wenn ich mich recht entsinne, zum ersten Mal in der Partie Fischer – Andersson gesehen wurde. Durch den Druck auf seinen Bauern d6 musste er vom geplanten …Tg8-g5 ablassen und befand sich plötzlich in einer alten Vorbereitung von mir. Die nächsten Züge waren beinahe erzwungen, sodass wir in folgender Stellung landeten:
Sadilek,Peter (2213) – Aroshidze,Levan (2548) [B41]
Open Internacional de Sants (6), 25.08.2010

Weiß hat eine Bauernmehrheit am Damenflügel, einen vorgerückten Bauern auf c5 und momentan ist er im Begriff, den a6 zu schlagen. Schwarz hat große Probleme, aktives Spiel auf die Beine zu stellen. Durch eine vorangegangene Transformation der Stellung ist das Zentrum festgelegt und der ansonsten so typische Vorstoß d6…d5 nicht mehr existent. Auch ist der normalerweise in Igelstellungen gefährliche Lc7 hier völlig vom Spiel abgeschnitten. Auf der einen Seite wird er von den weißen Damenflügelbauern seiner Felder beraubt, auf der anderen Seite verwehrt ihm der eigene Bauer den Eingriff ins Geschehen. Den folgenden Zug kommentierte mein Gegner nach der Partie mit “Dieses Opfer ist meine einzige Chance, natürlich ist es nicht korrekt, aber Schwarz muss es fast spielen.” 24…Rd4?!

Aroshidze spielte diesen Zug sehr schnell, doch dies beeindruckte mich nicht im Geringsten. Ich bin mit diesem Opfer wohlvertraut, kannte ich es doch aus der Partie Eljanov – Kudrin. Das Qualitätsopfer ist vor allem aus psychologischer Sicht unangenehm für Weiß: Wenn Schachcomputer ein Gefühl von Motivation hätten, würden sie hier wohl am liebsten den Turm schlagen, da ihnen das Gefühl von Materialgewinn Motivation verleiht. Doch bei einem menschlichen Schachspieler drückt sich Motivation ganz anders aus: Vor der Annahme des Opfers kann Weiß mit seiner Stellung zufrieden sein, weil Schwarz wenig Raum hat, zudem verspricht die angesprochene Damenflügelmehrheit im Endspiel Gewinnvorteil. Würde Weiß das Opfer annehmen, hätte er zwar Material gewonnen, doch dem Gegner eine Hand voll Möglichkeiten gegeben. Ich persönlich finde die weiße Stellung nach dem Qualitätsgewinn schwieriger zu spielen als vorher, weil es auf einmal Weiß ist, der unter Druck gesetzt wird. Weiß muss plötzlich Drohungen abwehren und es wird von ihm erwartet, dass er seinen Materialvorteil verwertet. Schwarz hingegen kann wieder “atmen” und besitzt eine Reihe aktiver Möglichkeiten, die er vorher nicht gehabt hat. Weiß will seine Trümpfe nur ungern gegen diesen Qualitätsgewinn, der zwar Materialvorteil verspricht, jedoch die Motivation an den Gegner gibt, eintauschen. 25.Nc4!? versucht, die gute Stellung zu halten und Schwarz weiterhin auf seinem schlechten Läufer c7 sitzen zu lassen. Sehen wir uns die Annahme des Opfers an: 25.Nxd4! exd4 26.Qxd4 Be5 27.Qd2 Bxh2

in der Vorausberechnung erschien mir diese Stellung sehr gefährlich für Weiß. Es ist nie ein gutes Gefühl, einem schwarzfeldrigen Läufer, der viele Felder beherrscht, keinen Gegenpart entgegensetzen zu können. Vielleicht vermag ein Computer in dieser Stellung cool bleiben, aber eine ungeschützte Königsstellung und ein gegnerischer Läufer, der ein solches Monster ist, bewirkten bei mir eher Unsicherheit als gedankliche Rybka+2.42. Apropos Rybka, der schlägt in dieser Stellung natürlich vor, einen Bauern zu verspeisen: 28.Bxa6
Auch die Möglichkeit, den Turm nicht einzustreichen, sondern stattdessen gegen den eigenen zu tauschen, ging mir durch den Kopf: 25.Rxd4?! exd4 26.Nxd4 Bxh2 27.Bxa6 (27.Nxc6 Rxc6 und …Dg3 hängt in der Luft) 27…Nh5 So hat Schwarz nicht einmal eine Qualität weniger und trotzdem die gewünschte Aktivität. 25…Rxd1+ 26.Rxd1 Bb5 27.Bf1 Weiß steht immer noch gut. 27…g5!?

und wieder: objektiv sollte dieser Zug nicht gut sein, doch der Großmeister versucht wieder, mich mit “Drohungen” wie …g4 einzuschüchtern. 27…Rd8 war eine bessere Wahl. 28.Qd2!? bei schon beiderseitiger Zeitnot begann ich, genauso undurchsichtige Züge wie mein Gegner zu machen und ihn zu verunsichern. Und siehe da, er dachte plötzlich bei jedem Zug länger nach und glaubte mir die eine oder andere Schwindelchance. Eine bessere Alternative wäre das paradoxe 28.Na3! gewesen 28…Bxf1 29.Rxf1 wonach Weiß keine Angst vor …g4 haben muss, während der Lc7 noch immer in Passivität verweilt. 28…Rd8 Schwarz ist sich selbst nicht sicher, was danach passiert, doch die Stellung wird taktisch, beide Spieler müssen einzige Züge finden und ich denke, das war nach dem Geschmack meines Gegners. 28…h6 war notwendig; nach 28…Bxc4 spielt Weiß verblüffenderweise einfach 29.Bxc4! um nach (ich berechnete nur 29.Qxg5?! Ng8! 30.Bxc4 Qxb4 was mich beunruhigte) 29…Rd8 den Läufer einfach wieder vorzustellen 30.Bd3! 29.Nd6!

natürlich führt 29.Qxg5 Rxd1 30.Qxf6+ Kg8 zu nichts. 29…Bxd6 30.cxd6? Auch hier entging mir das Motiv, den Läufer zu ziehen und anschließend freiwillig an die Dame zu fesseln. 30.Bxb5! Be7 hier hörte ich einfach auf zu rechnen, und dachte, ich könnte den Läufer nicht retten. 31.Bd3 und Weiß steht klar besser! 30…Bxf1 31.Qxg5 der geplante Zwischenzug. 31…Bxg2+!

natürlich habe ich auch dieses Zwischenschach gesehen, aber nachdem es fast der einzige Zug ist, automatisch als schwächer oder ungefährlich beurteilt – wieder ein bekannter psychologischer Fehler. 32.Qxg2 32.Kg1? kommt auch nicht in Frage, weil der Läufer g2 nach 32…Nd7! weiterhin tabu ist; unspielbar ist natürlich 32.Kxg2 Rg8 32…Rxd6 33.Rg1 ab hier mussten beide Spieler aufgrund der Zeitnot bis zum 40. Zug im 30 – Sekunden-Takt ziehen. 33…Qf8 34.Qb2 Nd7 35.Nc5 f6 36.Qg2 Nxc5 37.bxc5 Rc6 38.Qg4 Qf7 39.Rd1 Qe7 40.Rb1 Qxc5

nachdem die Zeitnot vorüber war, war ich noch völlig voreingenommen von den vorangegangenen Geschehnissen und hing den verpassten Möglichkeiten nach. Sogar das Qualitätsopfer des 24. Zuges ging mir wieder durch den Kopf und ich machte mir Gedanken darüber, ob ich es nicht doch hätte annehmen sollen. Dies sind typische Symptome einer Schachpartie, die oft dazu führen, dass man sich nicht mehr auf die aktuelle Partiestellung konzentrieren kann. So auch in diesem Fall, wo ich unmittelbar nach der Zeitnot im 41. Zug fehlgreife.
Hätte ich mich ein wenig mehr in die Stellung vertieft, wäre mir vermutlich folgende Variante nicht entgangen: 41.Qh4! Qf8 42.Rb7! Rc1+ (unglaublich, aber 42…h6 verliert sogar wegen 43.Qh5! mit der Drohung Tf7!) 43.Kg2 Qg8+ 44.Kh3

44…Qg6 45.Rb8+ Kg7 46.Rb7+ Kg8 47.Rb8+ Kf7 48.Rb7+ Ke8 49.Qxh7 Qxh7+ 50.Rxh7

wonach Weiß leicht remis hält.
in der Partie spielte ich jedoch 41.Rg1? wonach Schwarz keine Gefahr mehr drohte. 41…Qf8 42.h4 Qf7 und nach einigen weiteren Zügen 0–1
Teil 2 – Die Bestrafung
Saenz Narciso,Miguel Angel (2121) – Sadilek,Peter (2213) [C44]
Open Internacional de Sants (7), 26.08.2010

In dieser Partie kommt das Thema Bestrafung zum Vorschein. Schon Jonathan Rowson warnte in seinem exzellenten Buch “Die Sieben Todsünden des Schachspielers” davor, während einer Schachpartie zuviel zu moralisieren und den Gegner für ein angebliches Vergehen zu bestrafen (“Dieses Verlangen, den Gegner zu bestrafen ist ausgeprochen quälend – man sieht dann oft alle möglichen Probleme und Lösungen, die überhaupt nicht existieren” – Rowson). Vor einigen Zügen gab ich einen Mehrbauern, den ich fast die ganze Partie lang hatte, zurück, um meine Stellung zu befreien und immer noch minimalen Vorteil zu behalten. Eigentlich ziemlich verärgert über meine mangelnde Chancenauswertung eines Mehrbauern, den der Gegner nochdazu gleich in der Eröffnung eingestellt hatte, weigerte ich mich vehement gegen eine einfache, risikofreie Stellungsbehandlung. Ich wollte den Gegner tatsächlich seit einigen Zügen immer noch für seinen Bauerneinsteller in der Eröffnung bestrafen, obwohl ich in der aktuellen Diagrammstellung gar keinen Mehrbauern mehr habe! Ich hörte auf, die Stellung objektiv zu beurteilen und verlor die Kontrolle über die Realität. Ich sah plötzlich nur noch das , was ich sehen wollte und Möglichkeiten, die unter Umständen auch nur im Entferntesten remisverdächtig waren, wurden gar nicht mehr von meinem noch immer auf Bestrafung ausgerichteten Ich akzeptiert. Ich war der festen Überzeugung, ein Recht darauf zu haben, diese Partie zu gewinnen, schließlich war nicht ich so dumm, in der Eröffnung einen Bauern einzustellen, sondern er. Diesen Zustand berücksichtigend wird auch der nächste, schon in fortgeschrittender Zeitnot ausgeführte Zug verständlich.
26…Qg4? Es droht …Se2+! Er hat zwei oder mehr Möglichkeiten, fehlzugreifen (ich sehe, nur das, was ich sehen will!) und einen Zug, mit dem er meine einfache Drohung abwehrt. Das auf Bestrafung ausgerichtete Gehirn wird naiv und hofft natürlich auf einen der möglichen Missgriffe. Viel vernünftiger war 26…a4, wonach der a5 nicht mehr hängt, die weißen Damenflügelbauern festgelegt wären und Schwarz mit normalen Zügen, die die gute Stellung halten, die notwendigen Züge bis zum 40. Zug risikofrei überbrücken kann. Natürlich fand er das nicht schwer zu sehende 27.h3

es war auch nicht wirklich schwer zu sehen, dass nun die Grundreihe kein Problem mehr darstellt und gleichzeitig durch die Bedrohung der Dame ein Tempo gewonnen wird, oder? Natürlich läuft er nicht in 27.Be3?? Nf3+! oder 27.f3? Bxf3! 27…Qh4 28.Qxa5 Rd5? nach dem letztendlich doch eingesehenen Fehler und der Rückkehr zur Vernunft wird die Agonie noch ein wenig verlängert. 29.Qxc7+- und wenig später konsolidierte sich Weiß und ich gab konsterniert auf.
Teil 3 – Richtiger Abtausch
Sadilek,Peter (2213) – Valencia Jimenez,Jose (2072) [B22]
Open Internacional de Sants (8), 27.08.2010

Hier war ich sehr zufrieden mit meiner Stellung. Ich dachte nicht mehr an die gestrige Partie und kam auch nicht wie früher in Versuchung, den heutigen Gegner für meine gestrige Niederlage bestrafen zu wollen und krampfhaft schnell auf Sieg zu spielen. 12…Ne8

ein kritischer Punkt, an dem Weiß die richtige Entscheidung treffen muss. Bei genauer Beurteilung der Stellung kann man Folgendes feststellen: Schwarz steht zwar passiv und sein König hat schon gezogen, doch er ist im Besitz zweier starker Springer. Weiß kann sich entscheiden, welchen davon er abtauschen will (Sxe8 oder Sac4 wie in der Partie). Das Probem, dass sich hierbei ergibt, ist, dass Weiß, egal, welchen schwarzen Springer er abtauscht, dies nur mit einem seiner starken Springer erreicht. Eine Verbesserung der Stellung ergibt das nicht. Hier beging ich den Fehler, mich nicht damit zufrieden zu geben, dass mein Gegner passiv steht. Es wäre okay gewesen, die weiße Stellung als gut zu bezeichnen. Es war aber bestimmt nicht okay, davon zu träumen, beide schwarze Springer loszuwerden und selbst einen dritten Springer zu besitzen, den man dann auf d6 stellt. Und es war auch bestimmt nicht in Ordnung, zu denken, der Gegner hätte in dieser Partie nie wieder Gegenspiel. Man lerne: Eine gute Stellung gewinnt sich nicht ohne konkrete Pläne. 13.Nac4? Nxc4 14.Nxc4 Qe6 15.Qd4 b6

und Schwarz konnte …Lb7, Tc8, d6 und f6 mit einer Stellung, die nicht mehr ganz so passiv ist wie ein paar Züge zuvor, folgen lassen.
Doch hat Weiß statt 13. Sac4? und 13. Sxe8 nebst 14. Sb5 noch andere Züge? Am stärksten wäre eine dritte Lösung gewesen: Weiß tauscht alle vier Springer ab! Betrachtet man diese Lösung, wird auch klar, dass der weiße Doppelbauer nicht mehr von einem Springer, der als optimale Bockadefigur bezeichnet wird, blockiert werden kann.
13.Nxe8! Kxe8 14.Nc4!
14… Nxc4 15.Bxc4 d6 16.0–0

Der weiße Doppelbauer ist nun etwa genauso schwach wie der schwarze Bauer d6. Diese Nachteile gleichen sich aus. Was aber den Unterschied macht, ist, dass der schwarze König schon gezogen hat und somit im Zentrum ausharren muss, Weiß hingegen durch seine Rochade den König aus dem Zentrum befördert und die Türme verbunden und einsatzbereit gemacht hat. Weiß steht besser und kann die schwachen Punkte f7,d6 und g7 in den nächsten Zügen ins Visier nehmen.
Was Schach betrifft, so ist das am kommenden Sonntag stattfindende Mödlinger Aktivschachturnier sehr zu empfehlen, wo letztes Jahr hungrige Teilnehmer hiermit überrascht wurden
