Lienz Open


Das diesjährige Lienz Open wurde ausgezeichnet organisiert und bot nahezu perfekte Spielbedingungen, vorausgesetzt, man spielte auf der erhöhten Bühne, auf die sogar nur eine begrenzte Anzahl von Zuschauern durfte. Ein wunderbar starkes Teilnehmerfeld ließ ausgezeichnete Gegnerschaft erwarten, doch wie so oft bei großen Open und einer ungünstigen Elozahl erwischte ich nur solange Gegner mit 23++, solange ich nicht verlor. Immerhin, ganz so schlimm war es  nicht, 5 von 9 Gegnern hatten am Ende das „gewünschte“ Rating von 23++, dafür aber der Rest unter 2000.

In der 4. Runde spielte ich gegen einen erfahrenen deutschen FM:

19.Bxe5! ein Schlüsselzug in solchen Stellungen. Weiß erhält im Gegenzug für das Läuferpaar ein Übergewicht am Damenflügel. Der Bauer e5 wird Schwarz im weiteren Verlauf ohnehin im Weg stehen, vor allem seinem schwarzfeldrigen Läufer. 19…dxe5 20.c5

Red8 (20…b5 geschah in Sadilek-Aroshidze, Barcelona 2010, nur mit dem Unterschied, dass der schwarze Turm auf f8 und der König auf h8 standen. Siehe diesbezüglich den Blogeintrag vom Sommer 2010 21.Qe3 Rxd1+N offiziell ist dies eine Neuerung. Inoffiziell existiert eine Schnellpartie Sadilek-Wallner, Rossi Cup 2010) 22.Rxd1 bxc5 23.Nxc5

Qa7 (schlecht war 23…Bb6?! 24.N3a4 Ba7 25.Qd2! in der angesprochenen Partie Sadilek-Wallner, Vienna (rapid) 2010) 24.Qd3! Ra8!

Eine wichtige Stellung. Wenn Weiß seinen Vorteil zum Gewinn ausbauen kann, ist die schwarze Spielweise als Versuch, die Variante beginnend mit 20….Txd1N zu halten, gescheitert. Weiß sollte Figuren nur tauschen, wenn es konkret zu noch größerem (also materiellem) Vorteil führt, denn stellungsmäßig kann er seine Stellung nur noch geringfügig (g3, Kg2, Dc4, S3a4) verbessern. In der Partie spielte ich Sxb7 (?!), was eigentlich mehr als fragwürdig erscheint. Der weiße Vorteil verflüchtigte sich alsbald und die Partie endete nach einigen Abtauschen in einem farblosen Remis.

Zu einem logischen und durchaus begründeten Schluss kam FM Wallner („Papa Joe“) in der Analyse. Anstatt seines üblichen „Ausgelöscht!!“ kamen Wallner gar zierliche, feine Worte wie „Die schwarzen Kräfte sind am Damenflügel völlig gebunden, also ist es Zeit, am anderen Flügel zu spielen“ von den Lippen. Doch sogleich folgte dann „g4,h4, aus!“ :-)

25.g4!? h6 26.Kg2

Nebst h4 und Weiß hätte in der Tat vielversprechendes Spiel.

Vermutlich objektiv am stärksten wäre 25.Qc4! gewesen.

Natürlich sah und berechnete ich diesen logischen Zug, droht er doch unmittelbar einen Springerabzug, wonach der Lc7 en prise wäre. Nach 25…Bc8! 26.b5 a5 27.N3a4 h6 28.Qc3!? Rb8 29.g3 Ra8 30.Kg2

steht Weiß auch überlegen und kann mit der Schlüsselidee Sa6! die schwarze Stellung über kurz oder lang lahmlegen. Wichtig ist in diesem Fall, dass Weiß noch über beide Springer verfügt und den Tausch S gegen L nicht direkt (also durch Schlagen auf b7), sondern indirekt (durch geschlagen werden auf a6) erreicht.

Folgende Diagrammstellung kam in meiner Partie der 7.Runde gegen IM Inna Gaponenko (2466) kurz vor der Zeitnot zustande:


Schon im bisherigen Turnierverlauf zeichnete sich ab, dass meine Gegnerin massive Probleme hat(te), ihre Zeit vernünftig einzuteilen, was bei einer Bedenkzeit ohne Zeitincrement pro Zug fatale Folgen hat. In der Diagramstellung ließ sie ihre Zeit herunterlaufen, bis ihr nur noch knapp 6 Minuten bis zum 40. Zug verblieben. 32.a3? Zuvor konnte ich mich recht geschickt aus einer misslichen Lage befreien und war meinem Ziel, den Läufer auf d5 für die gegnerischen Springer vorerst untouchable zu postieren, ein ganzes Stück näher. Nach a3 sah ich zwar das natürliche 32…Le4, doch nicht, dass nach 33 Sc5 Da7! möglich war. Stattdessen fand ich mit letzter Rechenkraft eine trickreiche Variante, die im schlechtesten Fall mit Dauerschach endet. Ein idaler Zug in Zeitnot war also… 32…b3!?

Die angesprochene Variante verläuft folgendermaßen: 33.Nc5 Qa7! seltsamerweise habe ich das Motiv der Springerfesselung jetzt plötzlich gesehen! 34.Rxb3 eingestellt?! 34…Rxb3 35.Qxb3

35…Bxf3! nein! 36.gxf3! Rxc5 37.Rxc5 Qxc5 38.Qb8

38…h6! das wichtigste Detail, dass es zu sehen galt! 39.Qxd8+ Kh7 und Weiß wird dem Dauerschach früher oder später nicht entrinnen.

Stattdessen spielte meine Gegnerin 33.h3?! a4 natürlich konnte ich nicht widerstehen, meine Gegnerin zu ihrem folgenden Zug zu verleiten:

34.Nb4 Rxb4 was hat sie denn gedacht?? 35.axb4 Be4 36.Rb2? ein weiterer Fehler, nunmehr mit noch zwei oder weniger Minuten. 36…Qd3!

37.Rxc8? (der einzige Zug wäre 37.Re1 gewesen, 37…Qxe3 38.Rxe3 Bd5! und die Freibauern erscheinen mehr als gefährlich) 37…Qxe3 38.Rxd8+?! (nach 38.Ng5 hätte ich noch ein paar genaue Züge finden müssen) 38…Kf7

39.Ng5+ Kg6 40.Rc8 a3 41.Rxb3 Qxb3 42.d7 Qd1+ 0–1

These are not the draws you’re looking for

Wiener Landesmeisterschaft

Seit Langem wurde die Wiener Landesmeisterschaft wieder  als geschlossenes Rundenturnier ausgetragen.

Um es gleich vorwegzunehmen, ich erwartete mir im Unterschied zu fast allen in Wien stattfindenden Turnieren eine geringere Remisquote. Man könnte meinen, der Name Wiener Landesmeisterschaft in Verbindung mit einem Rundenturnier würde für etwas ausgekämpftere Partien sorgen, als man sie sonst von den Wiens stärksten Spielern kennt (zuletzt war das Währing Open ein erschreckendes Beispiel hierfür). Bei der Betrachtung der Partiestatistik scheint der Prozentsatz an Remisen nicht sehr drastisch auszufallen (knapp unter 50%), doch als Spieler konnte ich das Spielgeschehen genauer verfolgen. Ich musste mitansehen, dass 11 der 19 Remisen im Vorhinein abgesprochen waren, in den meisten Fällen führten die Spieler lediglich ein paar Züge aus, signierten anschließend die Partieformulare und rauschten entweder ab oder machten sich einen Stock tiefer im Aufenthaltsraum einen schönen (und nicht selten lautstarken) Abend. In vier weiteren Partien, die Remis endeten, „probierte“ man gegen den Gegner, den man schon 15 bis 20 Jahre lang kennt, „ein bisschen“, und wenn einer Angst bekam oder schlecht stand, bot er remis an, was freilich angenommen wurde. In einem speziellen Fall kam es sogar vor, dass zwei Spieler, die in der Wiener Landesmeisterschaft gegeneinander gelost waren, am selben Tag zur selben Uhrzeit in Diensten von SK Advisory Invest Baden in der selben Mannschaft eine Partie spielten! Aber natürlich, die beiden Spieler haben ihre Partie in der Wr. Landesmeisterschaft mit Sicherheit vorgespielt 😛 😛

Möglicherweise war es ein Fehler, den Preisfonds so zu gestalten, dass jeder Teilnehmer garantiert einen Preis bekommt. Einige Titelträger, die an Wiener Schachturnieren teilnehmen, weisen eine ziemliche Abhängigkeit von Preisgeldern auf und somit standen Remisabsprachen zwecks risikofreier Preisgeldaufteilung nicht nur diesmal auf dem Plan. Diese Taktik erwies sich als äußerst effektiv, um eventuelle motivierte Spieler  der unteren Hälfte der Tabelle  auf Distanz zu halten, denn gegen die wurde natürlich nicht remis gegeben.

Ein ziemlich interessanter Austragungsmodus wird z.B. bei den steirischen Landesmeisterschaften gespielt, dort kommt man nur per Knockout in die nächste Runde. Wieso bloß habe ich eine leise Ahnung, dass so ein attraktiver Turniermodus im Wiener Schach nie Einzug finden wird?

Jeden Tag aufs Neue von 2 bis drei (es sollten eigentlich 5 Partien im Gange sein) leerstehenden Brettern genervt, beschloss ich, einfach jede Partie auf Sieg zu spielen. Dies war gegen die Elostärkeren der Setzliste keine schlechte Idee, doch gegen die zwei Eloschwächsten der Setzliste war es angebrachter, ruhig zu spielen und nicht soviel zu riskieren. Eine unglückliche Eröffnungswahl gegen einen 19-Jährigen, der mit einem Micro-Scooter herumfährt und ein zu angriffslustiges Konzept gegen den Rumänen Lucaci hätte vermieden werden können, doch zu diesem Zeitpunkt war ich bereits in einem sehr verärgerten Zustand über die oben erwähnten Missstände und konnte mich nicht auf Schach fokussieren.

Dennoch, nachfolgend werde ich meine zwei interessantesten Partien analysieren:

Sadilek, Peter – Shengelia, David

Wiener Landesmeisterschaft 2010


21…Qc6! natürlich gibt Schwarz die Qualität, um sich als Kompensation zusätzlich zum Mehrbauern einen gedeckten Freibauern zu machen. 21…Rxf4 wäre auch möglich, doch es ist nicht klar, wie es dann konkret weitergeht. 22.Bxc4

hier überlegte Shengelia erstaunlich lange – ich glaube fast eine halbe Stunde. 22…dxc4

Weiß scheint schon sehr bedenklich zu stehen. Früher oder später wird die Dame von b3 wegziehen müssen (im Moment droht sie nicht geschlagen zu werden) und vor allem hängt der Bauer a3 an einem seidenen Faden. Nach der Alternative 22…bxc4 23.a4! hat Weiß  zumindest einen Freibauern. Nach ca. 20-minütigem Nachdenken fand ich dann mit 23.Rab1!!

den einzig guten Zug, um nicht sofort in eine miserable Stellung zu schlittern. Natürlich musste Weiß den a3 hergeben, soviel war klar, wenn man die kritischen Varianten betrachtet: a) 23.Qb2? hält den a3, doch überlässt Schwarz eindeutig das Ruder. 23…Nd7 nebst …Lf6 (23…Nd5 24.Be5 f6 25.Bc3 Bd6), und b) 23.Qd1? Bxa3! 23…Bxa3! 24.Rc2 Ra5

soweit alles forciert und von meinem Gegner sofort ausgeführt. Ich war nicht überrascht und blieb ziemlich gelassen. 25.Qc3! Ra6 [25…Ra8 26.Qb3 mit möglicher Zugwiederholung; 25…Ra4 26.Qe5] 26.Qe5!

Schwarz mag zwar materiellen Vorteil und zwei imposante Freibauern haben, doch vorerst stellt Weiß ständig neue trickreiche Drohungen auf. 26…Rb6 27.Ra2?! gleich 27.Qc7! hätte mehr Probleme bereitet. 27…b4?

ein erstaunlicher Fehler! Schwarz sperrt den zur Verteidigung unabdingbaren La3 vom Geschehen ab. Ich habe nicht ganz verstanden, warum mein Gegner diesen Zug gemacht hat. Unbedingt notwendig war 27…Bf8. 28.Qc7! schielt weiter auf die schwache Grundreihe und droht vor allem Txa3! oder Damentausch und dann Txa3. Schwarz darf dann nie nehmen, weil er auf der Grundreihe mattgesetzt wird. 28…Ne8 alles andere verliert sofort. 29.Qd8 Rb5? wieder eine Ungenauigkeit. Hier erwartete ich 29…Ra6 30.Bc1 Ra8 31.Qe7. 30.Rd1 Rb7 31.Rad2! alle Figuren im Spiel, bald sollte Schwarz kollabieren. Weiß droht Td7 mit Absperrung der Dame vom Se8, nach dem erzwungenen Kf8 dann De7+ nebst matt. 31…b3

Bevor es zu spät ist, öffnet Schwarz die lebenswichtige Diagonale a3-f8, um das drohende Td7 mit Kf8 abwehren zu können. De7+ wäre dann nicht mehr möglich. 32.Rd7?!

in Zeitnot der menschliche Zug – man stellt sofort eine Drohung auf und kann schneller auf die Uhr drücken, um den Zeitbonus zu erhalten.

Leicht gewonnen hätte hingegen 32.Qa8!+-

Schwarz ist machtlos gegen die Doppeldrohung Dxa3 oder Verdoppelung auf der 8. Reihe.

Nach 32 Td7 spielte Schwarz das obligate 32…Kf8


Noch immer hatte ich hier eine aussichtsreiche Fortsetzung: 33.Bd6+! Bxd6 34.R1xd6 Rxd7 35.Rxd7 Qc5 36.Qb8

Schwarz befindet sich in Zugzwang

in der Partie spielte ich  hingegen 33.Bg5?, was allerdings leicht abgewehrt werden kann und Schwarz somit gerettet ist. 33…f6 34.Rxb7 Qxb7 35.Rd7 Qb5 sogar das Damen“opfer“ 35…Qxd7!? 36.Qxd7 b2 37.Qb7 fxg5 ist gut für Schwarz 36.Bxf6? gxf6 37.Rxh7 b2 38.Rh8+ Kf7 39.Rh7+ Kg8 40.Rd7 b1Q+ 41.Kg2 Qg6 Zeit, nachzuzählen: 0–1


Sadilek,Peter – Lendwai,Reinhard

Wiener Landesmeisterschaft 2010

Schwarz steht bereit, eine Figur auf d4 oder e3 ‚reinzuklopfen. Der Springer c6 spielt dabei eine wichtige Rolle. Es gibt die Möglichkeit, Sc5 mit der Idee Scd3 zu spielen, um die wichtigsten Punkte zu überdecken, doch es ist nicht sicher, ob sich Weiß so langsames Spiel noch leisten kann, ohne, dass Schwarz das weiße Zentrum zertrümmert.  In der Partie wollte ich ursprünglich dennoch 24.Nc5 spielen, was auch die Wahl des kaltblütigen Computers ist, der keine Furcht vor Opfern hat. Zurecht habe ich den Zug wegen 24…Nxe3! verworfen. Ein Mensch kann unmöglich die folgenden Varianten berechnen, geschweige denn die daraus resultierenden Stellungen beurteilen.

25.Kxe3 (25.Ncxd7 Nxd1+) 25…Rxf4 26.Ncxd7 Re4+ und nun muss Weiß 27.Kd2 spielen. Nach 27…Rxd4+ 28.Nd3 Qxd7

entsteht wirklich nicht die Stellung, die Weiß vor ein paar Zügen angestrebt hat. Sein imposantes Zentrum hat sich in Luft aufgelöst und der König findet vorerst keinen sicheren Platz.

In der Partie fand ich stattdessen ein interessantes Qualitätsopfer: 24.Rxc6!?

Eine praktische Entscheidung und für Schwarz sehr unangenehm! Weiß wird seinen zweiten Springer bald auf c5 stellen und auch am Königsflügel seine Chancen haben. Doch – was viel wichtiger ist – Schwarz hat keine lästigen Tricks mehr gegen das weiße Zentrum. 24…Bxc6 ganz schrecklich wäre natürlich 24…bxc6 25.Nc5 mit weißer Traumstellung. 25.h5 Be8 hier gibt es den wahnwitzigen Computerzug 25…g5!? 26.hxg6 Bxg6 sogar Materialrückgabe mittels 26…Rxg6!? um Weiß seines Monsterspringers e5 zu berauben, kam in Frage 27.Nxg6 Bxg6 27.Nc5

diese Springer gefallen! 27…Be8 28.Bh5! hier war ich ziemlich zufrieden mit meiner Stellung, der schwarze Materialvorteil spielt keine Rolle. Im Gegenteil – er muss sehr aufpassen. Ab hier waren wir in hochgradiger Zeitnot, beide hatten noch etwa 1–2 Minuten (plus 30 Sekunden Increment) 28…b6


29.Qg4+?! schnell gespielt, um wieder 30 Sekunden Bonus zu bekommen.

Stellungsbewertungstechnisch minimal besser war 29.Qg1+

Oft führt im Schach nicht konkrete Variantenberechnung zu einer zufriedenstellenden Lösung, sondern Mustererkennung in Verbindung mit einem Gefühl für Ästhetik. Dg1 gefolgt von Dh2 finde ich geometrisch ansprechender als Dg4 nebst Dh3. Normalerweise macht die Art und Weise, eine Idee auszuführen, keinen großen Unterschied in der Stellungsbewertung. In einer Schachpartie jedoch, in der Faktoren wie Zeit, Gegner und Partieverlauf den Spieler fühlen lassen, kann ein ästhetisch ausgeführtes Manöver einen Spieler zufrieden machen, ihm ein Gefühl der Stärke verleihen. 29…Ng7 30.Bxe8 bxc5 31.Qh2 h6 32.Bg6 Rxg6 der einzige Zug, Dxh6 abzuwehren. 33.Nxg6 Nf5 34.Nxf8 Kxf8 35.dxc5 Qxc5

und aus der weißen Minusqualität ist eine Mehrqualität geworden!

Nach 29 Dg4+ ging es weiter mit 29…Ng7 30.Rg1? immer noch in Zeitnot gespielt, aber der Turm sollte auf der h-Linie bleiben. Hier hätte ich mit dem oben angesprochenen Manöver 30.Bxe8 bxc5 31.Qh3! h6 32.Bg6! Rxg6 33.Nxg6 Nf5 34.Nxf8 Kxf8 35.dxc5 Qxc5

ein fast identisches Outcome zu obiger Dg1–Dh2 Variante erreicht. Der einzige Unterschied ist, dass die Dame in der anderen Variante auf h2 steht. Ich bin immer noch nicht dahintergekommen, warum der Engine diese Stellung weit weniger (Schwankung 1,2 Bauerneinheiten) gefällt, als die mit der Dame auf h2. Any Ideas?

30…Qe7 31.Ncd3 Bxh5 32.Qxh5 Rc8!? 33.Qg5! In Zeitnot ein trickreicher Zug 33…h6! bietet Weiß ebenfalls Möglichkeiten, fehlzugreifen.

34.Qg3 schlecht wäre 34.Ng6? Rc2+! (34…hxg5?? 35.Nxe7+) 35.Kf3 hxg5 36.Nxe7+ Kf7.

Mindestens Remis gesichert hätte hingegen 34.Qh4!

doch ich weigerte mich, diesen Zug zu spielen, weil ich die folgende Sequenz sah: 34…Rxf4+! 35.Qxf4 Rf8 sowohl Lendwai als auch ich sahen dies, doch mit 30 Sekunden auf der Uhr war keine Zeit, a) weiterzurechnen, b) die Figuren zu zählen UND die Stellung einzuschätzen. 36.Rg6! der Schlüssel zur optimalen Figurenaufstellung. Um soweit zu rechnen, fehlte mir die Zeit. 36…Rxf4+ 37.Nxf4

eine fantastische Stellung!

37…Qh4+ 38.Ke2 Qh2+ 39.Kd3 Qxb2 40.Nxe6 Qb3+ 41.Ke2 Qc2+ 42.Kf3 Qd1+ 43.Kf4 Qf1+= Schwarz muss Dauerschach geben.

34…Kh7 35.Ng6? 35.Ng4 musste versucht werden. 35…Qc7 36.Kf3?! 36.Nge5 36…Nf5 36…Qc2?? 37.Nf8+ 37.Qg4 Rg8 durch die letzten weißen Zeitnotzüge erlangte Schwarz entscheidenen Vorteil und gewann nach der Zeitnot die Partie.

Diese Partie war Lendwais zweiter Sieg aus seinen letzten 19 Partien – 16 davon gingen remis aus! Fällt Ihnen etwas auf?

Der Titel des Artikels ist übrigens angelehnt an diesen Clip.


Danger, Will Robinson!

Vergangenen Sonntag beendete ich gegen den  13-jährigen Jungen Maxim Ventura Bolet meine 20. Turnierschachpartie auf spanischem Boden mit einem Sieg. Diese und die Partie zuvor waren Leistungen, mit denen ich zufrieden sein konnte. Im Vergleich dazu bereiteten mir die drei Verlustpartien in Folge davor mehr Kopfzerbrechen. Jetzt, drei Tage nach Ende des Turniers, habe ich die Fehler in diesen Partien ausfindig gemacht. Fehler, die nicht immer schachlicher Natur waren. In allen drei Partien erhielt ich eine gute Mittelspielstellung. Zeit, im Nachhinein die Schachuhr anzuhalten und einen Blick darauf zu werfen.

Teil 1 – Der GM-Effekt

Mit 3/5 in einem großen Open durfte ich normalerweise nicht darauf hoffen, in der folgenden Runde einen Gegner mit 2400+ zu bekommen. Eine Punktegruppe (in diesem Fall die Gruppe derjenigen mit 3 aus 5) wird in 2 Hälften geteilt und der elostärkste Spieler wird dem Elostärksten der unteren Hälfte zugelost. Scheinbar befand ich mich in diesem Turnier mit meinem Rating jedesmal knapp unter der Hälfte und so geschah es auch, dass mein Gegner der 6. Runde nicht nur eine ähnlich hohe Elozahl wie mein Viertrundengegner D’Costa hatte, es war noch besser – ich bekam sogar einen GM. In der Vorbereitung sah ich, dass er sowohl auf 1. d4 als auch 1. e4 mir angenehme Varianten spielte. Zuerst war ich verwundert, dass mein georgischer Gegner Aroshidze kein Caro-Kann spielt. Normalerweise haben so gut wie alle georgischen Großmeister Caro-Kann in ihrem Repertoire. Stattdessen sah ich, dass er im Sizilianer meistens Najdorf oder Paulsen spielt und auf 1. d4 Benoni. Einige Minuten zu spät erschienen, überraschte er mich dann schon mit 4…a6 statt 4…Sc6. Sofort fiel mir ein, dass er auch in seinen Partien gegen 1. c4 oft in einen Igel gegangen ist und dafür eine Vorliebe zu haben scheint. Schon bald spielte er das interessante  …Kh8 welches eine Idee beinhaltet, die, wenn ich mich recht entsinne, zum ersten Mal in der Partie Fischer – Andersson gesehen wurde. Durch den Druck auf seinen Bauern d6 musste er vom geplanten …Tg8-g5 ablassen und befand sich plötzlich in einer alten Vorbereitung von mir. Die nächsten Züge waren beinahe erzwungen, sodass wir in folgender Stellung landeten:

Sadilek,Peter (2213) – Aroshidze,Levan (2548) [B41]

Open Internacional de Sants (6), 25.08.2010

Weiß hat eine Bauernmehrheit am Damenflügel, einen vorgerückten Bauern auf c5 und momentan ist er im Begriff, den a6 zu schlagen. Schwarz hat große Probleme, aktives Spiel auf die Beine zu stellen. Durch eine vorangegangene Transformation der Stellung ist das Zentrum festgelegt und der ansonsten so typische Vorstoß d6…d5 nicht mehr existent. Auch ist der normalerweise in Igelstellungen gefährliche Lc7 hier völlig vom Spiel abgeschnitten. Auf der einen Seite wird er von den weißen Damenflügelbauern seiner Felder beraubt, auf der anderen Seite verwehrt ihm der eigene Bauer den Eingriff ins Geschehen. Den folgenden Zug kommentierte mein Gegner nach der Partie mit „Dieses Opfer ist meine einzige Chance, natürlich ist es nicht korrekt, aber Schwarz muss es fast spielen.“ 24…Rd4?!

Aroshidze spielte diesen Zug sehr schnell, doch dies beeindruckte mich nicht im Geringsten. Ich bin mit diesem Opfer wohlvertraut, kannte ich es doch aus der Partie Eljanov – Kudrin. Das Qualitätsopfer ist vor allem aus psychologischer Sicht unangenehm für Weiß: Wenn Schachcomputer ein Gefühl von Motivation hätten, würden sie hier wohl am liebsten den Turm schlagen, da ihnen das Gefühl von Materialgewinn Motivation verleiht. Doch bei einem menschlichen Schachspieler drückt sich Motivation ganz anders aus: Vor der Annahme des Opfers kann Weiß mit seiner Stellung zufrieden sein, weil Schwarz wenig Raum hat, zudem verspricht die angesprochene Damenflügelmehrheit im Endspiel Gewinnvorteil. Würde Weiß das Opfer annehmen, hätte er zwar Material gewonnen, doch dem Gegner eine Hand voll Möglichkeiten gegeben. Ich persönlich finde die weiße Stellung nach dem Qualitätsgewinn schwieriger zu spielen als vorher, weil es auf einmal Weiß ist, der unter Druck gesetzt wird. Weiß muss plötzlich Drohungen abwehren und es wird von ihm erwartet, dass er seinen Materialvorteil verwertet. Schwarz hingegen kann wieder „atmen“ und besitzt eine Reihe aktiver Möglichkeiten, die er vorher nicht gehabt hat. Weiß will seine Trümpfe nur ungern gegen diesen Qualitätsgewinn, der zwar Materialvorteil verspricht, jedoch die Motivation an den Gegner gibt, eintauschen. 25.Nc4!? versucht, die gute Stellung zu halten und Schwarz weiterhin auf seinem schlechten Läufer c7 sitzen zu lassen. Sehen wir uns die Annahme des Opfers an: 25.Nxd4! exd4 26.Qxd4 Be5 27.Qd2 Bxh2

in der Vorausberechnung erschien mir diese Stellung sehr gefährlich für Weiß. Es ist nie ein gutes Gefühl, einem schwarzfeldrigen Läufer, der viele Felder beherrscht, keinen Gegenpart entgegensetzen zu können. Vielleicht vermag ein Computer in dieser Stellung cool bleiben, aber eine ungeschützte Königsstellung und ein gegnerischer Läufer, der ein solches Monster ist, bewirkten bei mir eher Unsicherheit als gedankliche Rybka+2.42. Apropos Rybka, der schlägt in dieser Stellung natürlich vor, einen Bauern zu verspeisen: 28.Bxa6

Auch die Möglichkeit, den Turm nicht einzustreichen, sondern stattdessen gegen den eigenen zu tauschen, ging mir durch den Kopf: 25.Rxd4?! exd4 26.Nxd4 Bxh2 27.Bxa6 (27.Nxc6 Rxc6 und …Dg3 hängt in der Luft) 27…Nh5 So hat Schwarz nicht einmal eine Qualität weniger und trotzdem die gewünschte Aktivität. 25…Rxd1+ 26.Rxd1 Bb5 27.Bf1 Weiß steht immer noch gut. 27…g5!?

und wieder: objektiv sollte dieser Zug nicht gut sein, doch der Großmeister versucht wieder, mich mit „Drohungen“ wie …g4 einzuschüchtern. 27…Rd8 war eine bessere Wahl. 28.Qd2!? bei schon beiderseitiger Zeitnot begann ich, genauso undurchsichtige Züge wie mein Gegner zu machen und ihn zu verunsichern. Und siehe da, er dachte plötzlich bei jedem Zug länger nach und glaubte mir die eine oder andere Schwindelchance. Eine bessere Alternative wäre das paradoxe 28.Na3! gewesen 28…Bxf1 29.Rxf1 wonach Weiß keine Angst vor …g4 haben muss, während der Lc7 noch immer in Passivität verweilt. 28…Rd8 Schwarz ist sich selbst nicht sicher, was danach passiert, doch die Stellung wird taktisch, beide Spieler müssen einzige Züge finden und ich denke, das war nach dem Geschmack meines Gegners. 28…h6 war notwendig; nach 28…Bxc4 spielt Weiß verblüffenderweise einfach 29.Bxc4! um nach (ich berechnete nur 29.Qxg5?! Ng8! 30.Bxc4 Qxb4 was mich beunruhigte) 29…Rd8 den Läufer einfach wieder vorzustellen 30.Bd3! 29.Nd6!

natürlich führt 29.Qxg5 Rxd1 30.Qxf6+ Kg8 zu nichts. 29…Bxd6 30.cxd6? Auch hier entging mir das Motiv, den Läufer zu ziehen und anschließend freiwillig an die Dame zu fesseln. 30.Bxb5! Be7 hier hörte ich einfach auf zu rechnen, und dachte, ich könnte den Läufer nicht retten. 31.Bd3 und Weiß steht klar besser! 30…Bxf1 31.Qxg5 der geplante Zwischenzug. 31…Bxg2+!

natürlich habe ich auch dieses Zwischenschach gesehen, aber nachdem es fast der einzige Zug ist, automatisch als schwächer oder ungefährlich beurteilt – wieder ein bekannter psychologischer Fehler. 32.Qxg2 32.Kg1? kommt auch nicht in Frage, weil der Läufer g2 nach 32…Nd7! weiterhin tabu ist; unspielbar ist natürlich 32.Kxg2 Rg8 32…Rxd6 33.Rg1 ab hier mussten beide Spieler aufgrund der Zeitnot bis zum 40. Zug im 30 – Sekunden-Takt ziehen. 33…Qf8 34.Qb2 Nd7 35.Nc5 f6 36.Qg2 Nxc5 37.bxc5 Rc6 38.Qg4 Qf7 39.Rd1 Qe7 40.Rb1 Qxc5

nachdem die Zeitnot vorüber war, war ich noch völlig voreingenommen von den vorangegangenen Geschehnissen und hing den verpassten Möglichkeiten nach. Sogar das Qualitätsopfer des 24. Zuges ging mir wieder durch den Kopf und ich machte mir Gedanken darüber, ob ich es nicht doch hätte annehmen sollen. Dies sind typische Symptome einer Schachpartie, die oft dazu führen, dass man sich nicht mehr auf die aktuelle Partiestellung konzentrieren kann. So auch in diesem Fall, wo ich unmittelbar nach der Zeitnot im 41. Zug fehlgreife.

Hätte ich mich ein wenig mehr in die Stellung vertieft, wäre mir vermutlich folgende Variante nicht entgangen: 41.Qh4! Qf8 42.Rb7! Rc1+ (unglaublich, aber 42…h6 verliert sogar wegen 43.Qh5! mit der Drohung Tf7!) 43.Kg2 Qg8+ 44.Kh3

44…Qg6 45.Rb8+ Kg7 46.Rb7+ Kg8 47.Rb8+ Kf7 48.Rb7+ Ke8 49.Qxh7 Qxh7+ 50.Rxh7

wonach Weiß leicht remis hält.

in der Partie spielte ich jedoch 41.Rg1? wonach Schwarz keine Gefahr mehr drohte. 41…Qf8 42.h4 Qf7 und nach einigen weiteren Zügen 0–1


Teil 2 – Die Bestrafung

Saenz Narciso,Miguel Angel (2121) – Sadilek,Peter (2213) [C44]

Open Internacional de Sants (7), 26.08.2010

In dieser Partie kommt das Thema Bestrafung zum Vorschein. Schon Jonathan Rowson warnte in seinem exzellenten Buch „Die Sieben Todsünden des Schachspielers“ davor,  während einer Schachpartie zuviel zu moralisieren und den Gegner für ein angebliches Vergehen zu bestrafen („Dieses Verlangen, den Gegner zu bestrafen ist ausgeprochen quälend  – man sieht dann oft alle möglichen Probleme und Lösungen, die überhaupt nicht existieren“ – Rowson). Vor einigen Zügen gab ich einen Mehrbauern, den ich fast die ganze Partie lang hatte, zurück, um meine Stellung zu befreien und immer noch minimalen Vorteil zu behalten. Eigentlich ziemlich verärgert über meine mangelnde Chancenauswertung eines Mehrbauern, den der Gegner nochdazu gleich in der Eröffnung eingestellt hatte, weigerte ich mich vehement gegen eine einfache, risikofreie Stellungsbehandlung. Ich wollte den Gegner tatsächlich seit einigen Zügen immer noch für seinen Bauerneinsteller in der Eröffnung bestrafen, obwohl ich in der aktuellen Diagrammstellung gar keinen Mehrbauern mehr habe! Ich hörte auf, die Stellung objektiv zu beurteilen und verlor die Kontrolle über die Realität. Ich sah plötzlich nur noch das , was ich sehen wollte und Möglichkeiten, die unter Umständen auch nur im Entferntesten remisverdächtig waren, wurden gar nicht mehr von meinem noch immer auf Bestrafung ausgerichteten Ich akzeptiert. Ich war der festen Überzeugung, ein Recht darauf zu haben, diese Partie zu gewinnen, schließlich war nicht ich so dumm, in der Eröffnung einen Bauern einzustellen, sondern er. Diesen Zustand berücksichtigend wird auch der nächste, schon in fortgeschrittender Zeitnot ausgeführte Zug verständlich.

26…Qg4? Es droht …Se2+! Er hat zwei oder mehr Möglichkeiten, fehlzugreifen (ich sehe, nur das, was ich sehen will!) und einen Zug, mit dem er meine einfache Drohung abwehrt. Das auf Bestrafung ausgerichtete Gehirn wird naiv und hofft natürlich auf einen der möglichen Missgriffe. Viel vernünftiger war 26…a4, wonach der a5 nicht mehr hängt, die weißen Damenflügelbauern festgelegt wären und Schwarz mit normalen Zügen, die die gute Stellung halten, die notwendigen Züge bis zum 40. Zug risikofrei überbrücken kann. Natürlich fand er das nicht schwer zu sehende 27.h3

es war auch nicht wirklich schwer zu sehen, dass nun die Grundreihe kein Problem mehr darstellt und gleichzeitig durch die Bedrohung der Dame ein Tempo gewonnen wird, oder? Natürlich läuft er nicht in 27.Be3?? Nf3+! oder 27.f3? Bxf3! 27…Qh4 28.Qxa5 Rd5? nach dem letztendlich doch eingesehenen Fehler und der Rückkehr zur Vernunft wird die Agonie noch ein wenig verlängert. 29.Qxc7+- und wenig später konsolidierte sich Weiß und ich gab konsterniert auf.

 

Teil 3 – Richtiger Abtausch

Sadilek,Peter (2213) – Valencia Jimenez,Jose (2072) [B22]

Open Internacional de Sants (8), 27.08.2010

Hier war ich sehr zufrieden mit meiner Stellung. Ich dachte nicht mehr an die gestrige Partie und kam auch nicht wie früher in Versuchung, den heutigen Gegner für meine gestrige Niederlage bestrafen zu wollen und krampfhaft schnell auf Sieg zu spielen. 12…Ne8

ein kritischer Punkt, an dem Weiß die richtige Entscheidung treffen muss. Bei genauer Beurteilung der Stellung kann man Folgendes feststellen: Schwarz steht zwar passiv und sein König hat schon gezogen, doch er ist im Besitz zweier starker Springer. Weiß kann sich entscheiden, welchen davon er abtauschen will (Sxe8 oder Sac4 wie in der Partie). Das Probem, dass sich hierbei ergibt, ist, dass Weiß, egal, welchen schwarzen Springer er abtauscht, dies nur mit einem seiner starken Springer erreicht. Eine Verbesserung der Stellung ergibt das nicht. Hier beging ich den Fehler, mich nicht damit zufrieden zu geben, dass mein Gegner passiv steht. Es wäre okay gewesen, die weiße Stellung als gut zu bezeichnen. Es war aber bestimmt nicht okay, davon zu träumen, beide schwarze Springer loszuwerden und selbst einen dritten Springer zu besitzen, den man dann auf d6 stellt. Und es war auch bestimmt nicht in Ordnung, zu denken, der Gegner hätte in dieser Partie nie wieder Gegenspiel. Man lerne: Eine gute Stellung gewinnt sich nicht ohne konkrete Pläne. 13.Nac4? Nxc4 14.Nxc4 Qe6 15.Qd4 b6

und Schwarz konnte …Lb7, Tc8, d6 und f6 mit einer Stellung, die nicht mehr ganz so passiv ist wie ein paar Züge zuvor, folgen lassen.

Doch hat Weiß statt 13. Sac4? und 13. Sxe8 nebst 14. Sb5 noch andere Züge? Am stärksten wäre eine dritte Lösung gewesen: Weiß tauscht alle vier Springer ab! Betrachtet man diese Lösung, wird auch klar, dass der weiße Doppelbauer nicht mehr von einem Springer, der als optimale Bockadefigur bezeichnet wird, blockiert werden kann.

13.Nxe8! Kxe8 14.Nc4!

14… Nxc4 15.Bxc4 d6 16.0–0


Der weiße Doppelbauer ist nun etwa genauso schwach wie der schwarze Bauer d6. Diese Nachteile gleichen sich aus. Was aber den Unterschied macht, ist, dass der schwarze König schon gezogen hat und somit im Zentrum ausharren muss, Weiß hingegen durch seine Rochade den König aus dem Zentrum befördert und die Türme verbunden und einsatzbereit gemacht hat. Weiß steht besser und kann die schwachen Punkte f7,d6 und g7 in den nächsten Zügen ins Visier nehmen.

 

Was Schach betrifft, so ist das am kommenden Sonntag stattfindende Mödlinger Aktivschachturnier sehr zu empfehlen, wo letztes Jahr hungrige Teilnehmer hiermit überrascht wurden 🙂

Labyrinthe

waren das Thema einer interessanten Ausstellung im CCCB (Centre de Cultura Contemporània de Barcelona). An meinem letzten Tag in Barcelona hatte ich nach meiner 10. Partie noch genug Zeit, um in der Spätmittagssonne im Innenhof des CCCB (nicht weit von Placa de Catalunya) zu sein.

Teil der Labyrinthaustellung, die noch bis 9. Jänner 2011 läuft, war ein Schattenlabyrinth (Laberint D’Ombres): Zwischen den Dächern des ca. 60x80m messenden Innenhofs waren halbdurchsichtige Planen aufgehängt, die, von der Sonne beschienen, auf den Boden des Innenhofs Schatten in Form eines Labyrinths warfen – eine fantastische Idee!

Und selbstverständlich konnte man dieses Schattenlabyrinth auch zu Fuß abgehen. Von oben gesehen schaut das dann so aus:

Laberint D’Ombres


British Moves

Sadilek,Peter (2213) – D’Costa,Lorin (2456)

Open Internacional de Sants, 23.08.2010

1.e4 c5 2.Nf3 d6 3.Nc3 Nc6 4.d4 cxd4 5.Nxd4 Nf6 6.Bg5 e6 7.Qd2 a6 8.0–0–0 Bd7 9.f3 [9.f4 ist der zweite Hauptzug in dieser Stellung] 9…Be7 10.h4 überdeckt vorsorglich den Läufer, um Tricks mit Sxe4 auszuschalten, aber beginnt auch gleichzeitig, im Geiste dieser sizilanischen Gefilde die Bauern am Königsflügel in Bewegung zu bringen. 10…h6 11.Be3 h5

Schwarz unterbindet vorerst für längere Zeit g4 und somit sind die Pläne gezeichnet: Schwarz wird am Damenflügel aktiv werden, und da Weiß nun am Königsflügel nicht mehr vorankommt, muss er versuchen, im Zentrum möglichst rasch die Stellung zu öffnen. 12.Bg5 Qc7

möglich war auch gleich 12…Ne5 13.Kb1 b5

Und nun: Plan A: 14.Bd3 plant langfristig e5 durchzusetzen und belässt vorerst die Bauernstruktur unverändert( The1, Lf1, f4+e5).

Plan B: 14.f4!? welches zwar g4 für immer schwächt , doch um einiges rascher ist als Plan A, der dafür die Bauernstruktur intakthält. 14…Neg4 15.a3 Rb8!? mit beiderseitigen Chancen und einer scharfen Partie.

13.Kb1 Ne5

Hier dachte ich zum ersten Mal länger nach, weil Weiß sich entscheiden muss, welchen der oben skizzierten Pläne er wählt.

14.f4 nach langem Nachdenken habe ich mich zu diesem Plan durchgerungen

14.Bd3 0–0–0!?N

Seltsamerweise ist dieser Zug in dieser Stellung noch nie gespielt worden. Angenommen, Weiß spielt weiter „nach Plan“: (bisher wurde 14…b5 15.Rhe1 usw. gespielt) 15.Rhe1 Kb8 16.f4 Neg4 17.e5 Ng8 (17…dxe5 18.fxe5 Nxe5 19.Rxe5) 18.Bxe7 Nxe7 19.exd6 Qxd6 20.Be4 Qb6 und die schwarze Stellung sollte in Ordnung sein.

14…Neg4 [14…Nc4? 15.Bxc4 Qxc4 16.e5] 15.Rh3?! N

In der Partie dachte ich mir, dieser Zug könnte nützlich sein, z.B. wenn Schwarz groß rochiert, kann der Turm unter Umständen zum Damenflügel übergeführt werden. Wie sich herausstellt, ist dies aber ungefährlich für Schwarz und somit ist der Turm auf h3 eher schlecht platziert und leistet wenig. Besser war 15.g3!? 0–0–0 (15…b5 16.a3 Rb8 (16…Rc8 17.Bg2) ) 16.Bg2 und Weiß hat noch immer sehr angenehmes Spiel.

15…b5 [15…0–0–0 war durchaus möglich, weil diverse Tricks auf der c-Linie um ein Haar nicht funktionieren] 16.a3 [16.Re1 kann nicht der richtige Zug sein] 16…Rc8 [16…Rb8 wäre auch interessant, um sich zunutze zu machen, dass Weiß a3 gespielt hat, aber ich denke, mein Gegner hat den Zug verworfen, weil er etwaige e4-e5 Tricks mit Öffnung der Diagonale h2-b8 vermeiden wollte.] 17.Qe1!

Nur so stehen die weißen Figuren einigermaßen harmonisch.

17…g6 mit der Idee …e6-e5, ohne das der weiße Springer nach f5 kann. [17…e5 18.Nf5 Bxf5 19.exf5] 18.Rf3?! sieht logisch aus, doch ein wenig aktiver wäre 18.Rhd3!? gewesen, was mir aber nicht gefiel, weil es den Lf1 versperrt. 18…e5! [18…Nh2 19.Rfd3!] 19.fxe5 natürlich zieht Weiß den aktiven Springer nicht zurück. [19.Nde2?! Be6; 19.Nb3?! Be6] 19…dxe5


Hier gibt es zahlreiche interessante Möglichkeiten, die alle mit großer Unübersichtlichkeit verbunden sind und für einen Menschen beinahe unmöglich auszurechnen sind. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich gerne mehr Zeit gehabt, um mich in diverse Opfervarianten zu vertiefen, doch ich denke ich hatte nur noch um die 5 Minuten (plus Zuschlag). 20.Nd5


Die Alternativen sollten auch beleuchtet werden:

20.Rxf6

sieht aus als hätte ein Kiebitz ins Analysebrett gegriffen und wahllos einen Zug gemacht. Schwarz antwortet am besten mit 20…Nxf6!  21.Bxf6 Bxf6 22.Nd5 Qd6 und Weiß hat keine Drohungen mehr.(22…Qd8) ; ebenso ungefährlich ist 20.Bxf6? Nxf6 (20…Bxf6 21.Nd5) 21.Rxf6 exd4! (21…Bxf6 22.Nd5 Qd6 (22…Qd8) ) 22.Nd5 Qxc2+ 23.Ka1 Bg4–+;

20.Ndxb5

dieser Zug, der ebenfalls wieder auf oben beschriebenen „Hand zieht“ Zufallsprinzip zu basieren scheint, ist noch die beste Alternative zum Partiezug. 20…Bxb5! (nicht 20…axb5 wonach 21.Rxd7!! wieder für weiße Chancen sorgt) 21.Nxb5 axb5 22.Rc3 Qb7 23.Bxb5+ Kf8 24.Rxc8+ Qxc8 und das Gröbste ist abgewehrt.]

20…Nxd5 21.exd5 Bxg5! [21…f6 sieht logisch aus, wonach zwei weiße Figuren en prise sind, aber dafür der wichtige Punkt g6 geschwächt ist. Weiß kann diesen entweder mit De4 oder Ld3 anvisieren und für Unruhe sorgen.] 22.hxg5 [der Zwischenzug 22.Rc3 bringt nichts ein nach 22…Bxh4! 23.Qxh4 Qd6]

22…0–0 23.Nc6? in starker Zeitnot greife ich fehl [23.Rc3 Qb6; 23.d6!? noch am besten, doch hier steht Schwarz ohnehin schon gut. 23…Qb6] 23…Bxc6 24.Rc3 Qb6! 25.dxc6 Rxc6 26.Bd3 Rxc3 27.Qxc3 Qe3 28.Re1 Qxg5

Und die Technik des englischen IM’s setzte sich später durch.

„Agua, Cola, Fanta, Cerveza?“

Els Quatre Gats

Ein Blick auf den Altbau der Sagrada Familia

„The Cat“ von Fernando Botero


Placa Catalunya


Barcelona

22 Großmeister, 28 Internationale Meister, 35 FIDE-Meister und 40 weitere Titelträger sind in das 347 zählende Teilnehmerfeld des „12. Open Internacional de Sants“ gepackt. Gespielt werden nicht 9, sondern 10 Runden und Anwesenheitskontrolle gibt es auch nicht. Wer sich über das Internet angemeldet hat,  kommt einfach zur 1. Partie und spielt. Dies sorgt zwar für einen schnelleren Ablauf und keine Startverzögerungen (Spieler, die nicht erscheinen, werden von der Turnierleitung nach der 1. Runde einfach aus dem Turnier genommen), dies erschwert jedoch in manchen Fällen die Erringung einer Titelnorm.

Ein Detail, dass beim Durchsehen der Auslosung ins Auge sticht, ist dass mehrere Spieler einem fixen Brett zugeordnet sind. Dies leuchtet ein, da es sich um behinderte Spieler handeln könnte, doch was ist mit dem brasilianischen GM Alexandr Fier, der dem 1. Brett zugewiesen ist?

Plötzlich schoss mir in den Kopf, dass Fier der Vorjahressieger ist und dies der Grund für dieses Kuriosum sein könnte.

Die Ergebnisse gibt es übrigens HIER einzusehen, und natürlich gibt es auch eine Turnierhomepage.

Fotos und mehr Infos gibt es in Bälde, Ausschnitte aus der heutigen Partie schon jetzt:

Nicolas Zapata,Javier (1939) – Sadilek,Peter (2213)

Open Internacional de Sants, 20.08.2010

13.g4? ein für diesen Stellungstyp üblicher Vorstoß, doch ist dieser selten gut. Gemeinsam mit den Zügen b4, Sc3-a4, Tc1, Ld3 und Tg1 ist g2-g4 ein beliebtes Konzept bei Spielern, die die französische Vorstoßvariante spielen. Meistens hat Schwarz nach g4 die Option eine Figur zu opfern. Weiß verbleibt danach häufig mit einer Mehrfigur aber muss dafür sein gesamtes Zentrum einbüßen – kein guter Deal. Hier muss Schwarz nicht einmal eine Figur ins Geschäft stecken, sondern erlangt mit einfachen taktischen Mitteln Vorteil. [13.Bxf5 exf5; und 13.0–0 wären bessere Möglichkeiten gewesen] 13…fxe5!


dies geschieht in ähnlichen Stellungen oft ohne, dass Schwarz die Figur mittels e5-e4 zurückgewinnt, zum Beispiel wenn der Läufer d3 auf e2 stehen würde. Doch selbst dann hat Schwarz ausgezeichnete Möglichkeiten, auf das weiße Zentrum Druck auszuüben (Txf3 nebst Sxd4 u.a.) 14.dxe5 [Weiß verzichtet auf 14.gxf5 e4, wonach er die Mehrfigur zurückgeben müsste, seine Stellung jedoch eine Ruine wäre]

14…Nh4 15.Nxh4 Bxh4

16.0–0 Bg5! der Läufer hat auf h4 keine weitere Aufgabe mehr, da der Druck auf f2 nicht weiter verstärkt werden kann. 17.Qc2?! Stellt keine echte Drohung auf, da Weiß durch Lxh7 und dessen obligaten Rückzug wertvolle Zeit verlieren würde. [17.b5 Bf4 18.Qe2 Na5] 17…Bf4 18.Rae1 [18.Bxh7+ Kh8 19.f3 (19.Qg6 mit der Idee Dh5 funktioniert nicht wegen 19…Qh4 20.Qh5 Qxh5 21.gxh5 Kxh7) 19…Qh4 20.Bd3 Nxe5 21.Bxe5 Bxe5 und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die weiße Stellung in sich zusammenbricht.] 18…Qg5 bedroht g4 und e5 [18…Bxh2+?! würde Weiß eher helfen, da danach die idee Tf1–h1 in der Luft schwebt 19.Kg2! (19.Kxh2 Qh4+ 20.Kg2 Qxg4+ 21.Kh2 Rf3 22.Re3 Qh3+ 23.Kg1 Qg4+ und Schwarz hat nicht mehr als Dauerschach) ] 19.Qe2 b6! ein prophylaktischer Zug, um Lc8-d7-e8 zu ermöglichen. [19…Bd7? 20.Nc5] 20.b5?! Ne7 [20…Nxe5 21.Bxe5 Bxe5 22.Qxe5 Qxg4+ 23.Qg3 (23.Kh1 Qf3+ 24.Kg1 Qxd3) 23…Qxa4] 21.Bc1 Bd7 [21…Bxc1 22.Rxc1 Rf4] 22.Bxf4? Rxf4 23.Nb2 Rxg4+ 24.Kh1 Rf8 mit entscheidendem Vorteil